…von Anfang an spannend

Romandramaturgie - Foto: Ines Häufler (c) Ines HäuflerIhr Job ist es, Geschichten so aufzubauen, dass sie von Beginn an fesseln. Ein Interview mit Filmdramaturgin, Story Coach und Autorin Ines Häufler über ihre Arbeit, ihren Werdegang und die Chancen von Dramaturgie in der Unterhaltungsliteratur.

 

Frau Häufler, Sie arbeiten seit vielen Jahren als Filmdramaturgin und Story-Consultant. Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen? Was macht ein Story-Consultant genau?

Viele, denen ich erzähle, dass ich Filmdramaturgin bin, glauben, ich schreibe Drehbücher. Das stimmt nicht. Ich analysiere Drehbücher und versuche den Blick von außen so lange wie möglich beizubehalten, weil wenn man selber schreibt, sieht man ja sehr, sehr schnell den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Ich bin dann eben der Blick von außen und kann die Autorinnen und Autoren auf mögliche Schwächen ihrer Stoffe hinweisen, habe aber natürlich auch das Werkzeug mit Vorschlägen zu kommen, wie sie diesen Schwächen begegnen können und wie sie eine gute Geschichte noch besser machen können. Das ist meine Aufgabe. Das heißt, ich lese und analysiere Drehbücher, aber ich schreibe selbst nicht. Das ist übrigens auch ein großer Unterschied meiner Arbeit gegenüber der Art wie es im Romanbusiness vor sich geht. Wir schreiben als Filmdramaturginnen und -dramaturgen NICHT in die Texte der Autorinnen und Autoren hinein. Das heißt, wir haben Gespräche, wir geben schriftliche Anmerkungen mit, aber am Text selbst legen wir keine Hand an. Das ist ausschließlich den Autorinnen und Autoren überlassen.

 

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Ich bin eine klassische Quereinsteigerin, weil es keine wirkliche Ausbildung für den Beruf der Filmdramaturgin gibt. Ich habe Publizistik und Germanistik studiert und habe einige Jahre als Regieassistentin am Theater gearbeitet. Ich habe mich also immer schon mit Texten beschäftigt. Dann gab es im Germanistikstudium plötzlich ein Seminar über Drehbuchlesen, das war so spannend, dass ich nachher gesagt habe: „Ich möchte das beruflich machen.“ Dann habe ich eine Weiterbildung entdeckt. Es ist ein europäisches Programm (Schweiz, Österreich, Deutschland) gewesen, in dem Drehbuchautorinnen und -autoren mit Dramaturgen über mehrere Monate hinweg ihre Stoffe verbessen. Da gab es immer punktuelle Treffen und dazwischen Betreuung per E-Mail. Die suchten Assistenten, da habe ich mich beworben. Wir Assistentinnen (wir waren damals nur Frauen) hatten die Möglichkeit Unterricht zu bekommen von den Dramaturginnen und Dramaturgen. Das war ganz toll. Da ging es um Gesprächsführung, Drehbuchanalyse, Werkzeuge und so weiter. Das waren alles sehr erfahrene Leute, teilweise auch aus Hollywood. Dann habe ich mich bei verschiedenen Filmproduktionsfirmen beworben. Dann hat eins zum Anderen geführt und ich bin damals damit eingestiegen für eine Fernsehproduktionsfirma an Fernsehfilmen zu arbeiten.

 

Sie waren selbst als Drehbuchlektorin tätig, kennen aber auch die andere Seite, durch Ihre Arbeit als Autorin. Was erwarten Sie von einem guten Lektorat?

Ich muss vielleicht dazu eine kleine Vorgeschichte erzählen. Ich bin länger Filmdramaturgin als ich Autorin bin. Bei meinem ersten Projekt als Autorin kam dann diese Kurzgeschichte komplett bunt zurück, also ein Word-File mit ganz, ganz vielen Anmerkungen, Streichungen und Änderungen bis ins Wort hinein. Das war für mich ein großer Schreck im ersten Moment, weil ich geglaubt habe  –  „Oh Gott, mein Text ist so schlecht“ – weil jedes zweite Wort geändert wurde. Das war er dann eh nicht, das sieht nur so aus, aber ich war nicht gewohnt, dass jemand wirklich in einen Text hineinschreibt. Weil es sehr anders ist beim Drehbuch, da rührt man den Text selbst nicht an. Liegt vielleicht auch daran, dass der Text an sich ja wiederrum nur eine Vorlage ist. Wie ein Architekturplan für ein Haus ist das Drehbuch eine Vorlage für ein weiteres Produkt, also für den Film. Beim Roman ist der Text jedoch auch das, was publiziert wird, das ist ein großer Unterschied. Mir kommt manchmal vor, im Romanbereich wird sehr schnell auf die Formulierungen oder auch auf die Worte wert gelegt, aber es wird nicht so lange daran gearbeitet: Wie bauen wir das auf? Können wir von der Struktur und von der Handlung her noch Spannung reinbringen? oder – Wie können wir Durchhänger, die es ja in diesem ominösen zweiten Akt in der Mitte oft gibt handwerklich auffangen?
Das ist etwas, was mir aufgefallen ist, das fand ich sehr interessant.

 

Wäre es aus Ihrer Sicht möglich, etwas vom Film in die Buchbranche zu übertragen bzw. gäbe es etwas, das aus Ihrer Sicht die Literatur vom Film lernen könnte?

Das glaube ich auf alle Fälle, was die Unterhaltungsliteratur betrifft. Ich lese natürlich auch Romane mit anderen Augen, weil ich geschult darauf bin, Schwächen in Geschichten sehr schnell zu sehen – das ist ja mein Beruf – und mir sofort zu überlegen: Wie könnte man das auffangen? oder – Wie könnte man das ändern?
Wenn ich zum Beispiel bereits 50 Seiten eines Romans gelesen habe und es gibt noch überhaupt kein Ziel, und ich weiß überhaupt noch nicht, worum es eigentlich geht, sondern es ist nur Beschreibung und führt noch zu nichts, dann ist das etwas, was man vor allem in der Unterhaltungsliteratur – technisch beziehungsweise handwerklich, sage ich jetzt mal – sehr einfach lösen könnte oder Vorschläge machen könnte im Lektorat. Das wundert mich dann manchmal, weil es für mich so offensichtlich ist, weil ich aus der Filmbranche komme, sowohl vom Denkansatz als auch vom Handwerk und Inhalt her. Dort ist es sehr wesentlich, dass zum Beispiel, gerade beim Fernsehen, die Leute nicht nach fünf Minuten wegschalten. Da denke ich mir, wäre doch schön darüber nachzudenken, dass die Leute das Buch vielleicht nicht so schnell aus der Hand legen werden, weil es von Anfang an gleich spannend ist. Dafür gibt es ganz, ganz viel Handwerk, das im Filmbusiness gang und gäbe ist, und ich denke, da könnte man sich schon Anregungen holen. Was man natürlich berücksichtigen muss, und da kann wieder die Filmbranche lernen von der Literatur, ist, dass Literatur etwas sehr Individuelles ist. Wenn wir jetzt ein bisschen herausgehen aus der reinen Unterhaltungsliteratur, sollte man die Handschrift von Autorinnen und Autoren auch entstehen lassen und auch zulassen, dass vielleicht mal nichts Äußerliches passiert und die Innerlichkeit einer Figur im Mittelpunkt steht, weil das auch ein Zeichen von Literatur ist. Da rede ich aber, wie gesagt, nicht von reiner Spannungsliteratur oder von Unterhaltungsliteratur, sondern eher von gehobener Unterhaltung und darüber hinaus.

 

Ines Häufler leitet unser Seminar „Lektorat 3: Dramaturgie in der Belletristik“:
https://www.goldegg-training.com/kurse/dramaturgie-fuer-lektorinnen/

 

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