„Die Struktur des Textes prägt die Gestaltung“

Zu Besuch bei Michael Karner, Buchgestalter, Typograph und Schriftsetzer.

Ein Besuch bei Michael Karner scheint am Beginn wie eine Reise in die Vergangenheit: Im Keller seines Hauses in Gloggnitz, der ihm als Werkstatt dient, stehen alte Druckerpressen, wunderbare Bleisatzschriften wohlgeordnet in Setzkästen, edle Papiere und jede Menge Bücher. Dass daneben auch ein Apple Computer mit zwei großen Bildschirmen steht, fällt erst auf den zweiten Blick auf. Buchstabe für Buchstabe setzt er kleine Bleilettern von Hand zu ganzen Seiten zusammen und druckt diese dann auf feinen Papieren. Karner betreibt in Gloggnitz seine PoliphilusPresse, eine kleine Buchdruckerwerkstatt, in der Bücher und Broschüren noch manuell gesetzt und gedruckt werden. Er bietet auch Kurse über Bleisatz und Buchdruck an. Das alles geschieht natürlich nur im Nebenerwerb, leben kann und will er vom händischen Buchdruck nämlich nicht.  

Michael Karner wurde 1957 in Reichenau/Rax geboren und hat mit jungen 14 Jahren eine Lehre zum Schriftsetzer in der Buchdruckerei Prager begonnen. Seit 2004 ist er selbstständiger Typograf und Buchgestalter und realisiert viele verschiedene Buchprojekte für Verlage aus ganz Europa, ist als Dozent für Typografie in der Lehre tätig und schreibt für Fachpublikationen. Die Begeisterung für seinen Beruf ist spürbar, er spricht leidenschaftlich über seine Tätigkeit und zeigt gerne Beispiele seiner Arbeit.

Der Handsatz ist für ihn keine nostalgische Betätigung, sondern eine notwendige Auseinandersetzung mit seinem Handwerk. Wichtig sei, was man davon für das Jetzt mitnehmen könne: „Was kann man vom einst gelernten Handwerk für die Buchgestaltung von heute umsetzen?“

Karner versucht alle Texte vor dem Beginn der Arbeit zu lesen, denn die Struktur des Textes präge die Gestaltung und ist somit ein wichtiges Kriterium für seine Arbeit. »Ein Buchgestalter, der die Texte die er gestaltet nicht liest, ist kein Gestalter, sondern ein Dekorateur«. Und im Laufe der Jahre hat er gelernt, „einen vordergründig als Nachteil empfundenen Textteil bzw. Textbaustein als ein Gestaltungselement zu benutzen, und also ein Vorteil daraus zu gestalten.“

Für ihn teilt sich das Buch nicht in zwei Teile, also in Kern und Cover. Er sieht es als Ganzes, ein Buch eben. In der Zusammenarbeit mit Verlagen kommt es manchmal zu Meinungsverschiedenheiten im Spannungsfeld Ästhetik – Verkaufbarkeit. „Für die Verlage ist ein Schutzumschlag ein Marketinginstrument. Für mich ist es einfach ein Umschlag, der das Buch drunter schützen soll.“

Bei der Zusammenarbeit mit Verlagen legt er Wert auf Abwechslung und interessante Titel: „Ich habe schon vieles gemacht. Juristische Werke, Bücher über Architektur oder Romane. Das wichtigste Kriterium für mich ist aber, dass es Zeit gibt. Zeit zum Überlegen, wie sich der Text gestalten lässt.“ Leistungsgerechte Bezahlung und Wertschätzung gehören für ihn ebenflass zum idealen Buchprojekt, dennoch ist Karner hier realistisch – es sei selten, alles zu bekommen. Da müsse man dann eben Abstriche machen, denn sonst stehe man ohne Projekte da.

Das Schönste an seinem Beruf? Besonders schätzt Karner eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Autor: „Das schönste ist, wenn du ein Buch machst und danach einen neuen Freund hast, den Autor.“

Weitere Informationen über Michael Karner, seine Arbeit und seine Workshops unter: www.typografie.co.at

Gespräch, Foto + Text: Teresa Mossbauer

 

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