Das Exposé – die Kristallkugel des Verlags


Das Exposé –  Die Basis für Entscheidungskriterien im Verlagsgeschäft

Weihnachten steht vor der Tür! Was eignet sich besser als Geschenk als ein liebevoll ausgesuchtes Buch? Trotz der harten Konkurrenz von allerlei elektronischem Spielzeug verteidigen Bücher nach wie vor ihre Stellung als beliebtes Geschenk.

An die 80.000 Bücher erscheinen jährlich im deutschsprachigen Buchmarkt – wie von Zauberhand geschaffen, drängen sie sich in den Buchregalen und wetteifern um den besten Platz. Aus Sicht eines Buches haben sie es „geschafft“. Sie waren die Erfolgreichen, die sich durchgesetzt haben. Millionen von Manuskripten gelingt es nie, ein schönes Buch zu werden. Fünf Millionen Manuskripte werden jährlich eingereicht, doch nur 1,6 Prozent werden tatsächlich verlegt.

Das bedeutet: Von allen eingereichten Buchprojekten werden 98,4% abgelehnt. Viele hoffnungsvolle Autorinnen und Autoren erhalten jedoch nicht einmal diese Absage … oder wenn, dann erst nach vielen Monaten, wie mir kürzlich im Rahmen des Autoren-Stammtischs der Goldegg Medienakademie zum Thema „Exposé“ berichtet wurde.

Verstimmte Autorinnen, enttäuschte Autoren auf der einen Seite stehen ob der Zahl der Einreichungen jedoch überforderte Verlagsmitarbeiterinnen auf der anderen Seite gegenüber.

Wieso werden manche Bücher verlegt, andere nicht? Wieso schaffen es auch „schlechte“ Bücher – allein über diese Definition ließe sich übrigens jahrelang trefflich streiten – andere nicht?

Allem voran: die Entscheidung darüber, ein Manuskript ins Verlagsprogramm aufzunehmen, ist kein Urteilsspruch der Entscheidenden. Eine Ablehnung bedeutet nicht, dass über den Inhalt Recht oder Unrecht gesprochen wird. Es bedeutet zunächst nur einmal, dass sich kein Platz im Verlagsprogramm dafür findet.

Die Gründe dafür sind mannigfaltig und für viele, die keinen Einblick in die komplizierte Verlagslandschaft haben, nicht ohne Weiteres nachvollziehbar.

Manchmal fällt die Entscheidung jedoch leichter oder besser: Manchmal kommt es gar nicht erst zu einer Entscheidung, weil die Einreichkriterien des Verlags von vornherein nicht erfüllt wurden. Sprich: Es findet sich kein Exposé in den eingereichten Unterlagen oder das Exposé entspricht nicht dem, was der Verlag benötigt, um zu einer Entscheidung zu finden.

Wenn Sie meinen, diese unnötigen und langwierigen Ausformulierungen könnten einfach durch ein Telefonat umgangen werden: Falls Sie tatsächlich jene Person an die Strippe bekommen, die an Entscheidungen über das Verlagsprogramm zumindest beteiligt ist, dann hören Sie – was wohl? Erraten! Bitte schicken Sie uns doch ein Exposé!

Lästige Schikane! Könnten Sie vermuten. Überhebliche Wichtigtuerei! Ich kann Ihnen allerdings versichern: Damit hat es nichts zu tun. Die größte Angst der Verlegerin ist es ohnedies, einen Bestseller abzulehnen. Was für eine Vorstellung! Harry Potter abgelehnt – man überreiche mir eine vergiftete Füllfeder …

Nein, ein Exposé ist einfach ein wichtiges Instrumentarium, um jene Punkte abzuklopfen, die für den Verlag wichtig sind. Das Exposé ist die Kristallkugel der Verleger, mit der sie die Zukunft des Manuskripts herauslesen wollen. Jeder Verlag hat seine eigenen Ansprüche an dieses Exposé. Sich damit in der Tiefe auseinanderzusetzen, hat zwei entscheidende Vorteile:

  1. Der Autor lernt sich selbst, sein Werk und seine Erwartungen besser kennen.
  2. Der Verlag merkt, dass der Autor sich selbst, sein Werk und seine Erwartungen gut kennt.

Ein lieblos hingeknalltes Exposé erschnuppert die geübte Verlagsnase schon von Weitem – und wendet sich prompt dem nächsten zu.

Es geht nicht darum, dass der kongeniale Titel bereits feststeht und ein umfassendes Marketingkonzept beigelegt wird, doch es gibt klare Showstopper wie zum Beispiel: „Zielgruppe: alle“ – wer, wenn nicht die Autorin selbst, sollte am besten wissen, wie die potenzielle Leserschaft konkret aussieht, die das Buch lesen will? Mit welcher Konkurrenz er sich herumschlagen muss?

Ein Exposé fragt all die Dinge ab, die der Verlag herausfinden muss, bevor er sich näher mit dem Konzept oder dem Manuskript beschäftigen kann.

Ein Buch zu entwickeln folgt bestimmten Kriterien. Es empfiehlt sich also, dem Verlag zu suggerieren, dass man als Autor hinsichtlich des Titels und der Covergestaltung flexibel ist. Wenn der Inhalt dem Verlag vielversprechend erscheint, dann geht es bei jedem Verlag noch um ein paar andere Dinge: Im Sachbuchverlag ist die „Promotionkompetenz“ – neben der ohnedies vorausgesetzten Fachkompetenz – ein wesentliches Kriterium der Entscheidung, auf die oft vergessen wird. Ist der Autor mit seinem Thema gut positioniert oder bietet er einen Bauchladen voller Kompetenzen an? Kann man die Autorin zu Interviews schicken? Ist der Autor in seiner Zielgruppe gut verhaftet? Ist er medial präsent? Lässt sich auf ihren bisherigen Erfolgen ansetzen? Sind Thema und Autor im Buchhandel platzierbar? Welche Schlagzeilen sind der Presse anzubieten? Und, last not least, ist der Autor willig, sich gemeinsam mit dem Verlag für sein Buchprojekt partnerschaftlich ins Zeug zu hauen?

Ein gut vorbereitetes Exposé vereinfacht dem Verlag die Entscheidung. Und eine Entscheidung, die schnell getroffen werden kann, führt zu einer rascheren Antwort – und vielleicht bald zum eigenen Buch.

Autorin: Verena Minoggio-Weixlbaumer

Comments

  1. wrote on Januar 11th, 2018 at 6:44 am

    melanie

    Ein ehrlicher, aufschlussreicher Artikel. Vielen herzlichen Dank

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